Überblick
Entdeckung
Volubilis war den Einheimischen jahrhundertelang bekannt, doch die systematische archäologische Erkundung begann 1915 unter der französischen Kolonialverwaltung, geleitet von Louis Chatelain. Die Ausgrabungen wurden bis in die 1940er Jahre fortgesetzt und legten bedeutende Monumente und eine Vielzahl von Mosaiken frei. Seit der Unabhängigkeit Marokkos überwacht das Institut National des Sciences de l'Archéologie et du Patrimoine (INSAP) Forschung und Konservierung, oft in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Diese Bemühungen haben die lange Geschichte der Stadt von ihren berberischen Ursprüngen über die römische bis zur frühislamischen Zeit offenbart.
Historischer Hintergrund
Der Ort wurde erstmals im 3. Jahrhundert v. Chr. als mauretanisches Oppidum besiedelt, wie vorrömische Keramik und Strukturen belegen. Unter dem Klientelkönigreich Mauretanien entwickelte es sich zu einem regionalen Zentrum. Die römische Herrschaft wurde um 40 n. Chr. etabliert, als Kaiser Claudius das Königreich annektierte und in zwei Provinzen aufteilte. Volubilis wurde Teil von Mauretania Tingitana und rasch romanisiert, wobei es vermutlich unter den Flaviern den Status eines Municipiums erhielt. Die Stadt erreichte ihren Höhepunkt im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., angetrieben durch die Olivenölproduktion der umliegenden Landgüter. Ihr Wohlstand spiegelt sich im Bau öffentlicher Gebäude und prunkvoller Privathäuser wider, die mit Mosaiken geschmückt sind. Um 285 n. Chr. zog Kaiser Diokletian die römische Verwaltung aus dem Gebiet südlich des Loukkos-Flusses ab, doch Volubilis blieb zumindest bis ins 8. Jahrhundert bewohnt, wenn auch in geringerem Umfang.

Die römischen Ruinen von Volubilis - Marokko | Mustang Joe (CC0)
"Es gibt eine Stadt namens Volubilis im Königreich Mauretania Tingitana, fünfundzwanzig Meilen vom Meer entfernt, wo es noch reichlich Elfenbein und exotische Tiere gibt."
— Plinius der Ältere, Naturgeschichte V.5, über Volubilis (um 77 n. Chr.)
Architektur und städtebauliche Anlage
Die Stadt erstreckt sich über etwa 42 Hektar und ist in einem Rasterplan angelegt. Die Hauptverkehrsader, der Decumanus maximus, verläuft in Ost-West-Richtung, gesäumt von Geschäften und führt zum monumentalen Zentrum. Hier stehen das Forum, die Basilika und das Capitol, der Tempel, der der Kapitolinischen Trias gewidmet ist. Der Triumphbogen des Caracalla, errichtet 217 n. Chr., markiert die Kreuzung mit dem Cardo maximus. In den Wohnvierteln zeigen das Haus des Orpheus, das Haus des Epheben und das Haus des Dionysos exquisite Bodenmosaike mit mythologischen Szenen. Dutzende von Olivenpressen wurden gefunden, oft in denselben Häuserblocks wie die Wohnhäuser, was darauf hindeutet, dass die Olivenölproduktion zentral für die Wirtschaft der Stadt war. Das Vorhandensein eines beträchtlichen Aquädukts und öffentlicher Bäder zeugt von römischer Ingenieurskunst und städtischen Annehmlichkeiten.

Ruinen eines römischen Mosaikbodens in Volubilis, Marokko | FuriousYogi (CC BY-SA 4.0)
Bedeutung
Volubilis ist eine der am besten erhaltenen römischen Stätten in Nordafrika und bietet einen einzigartigen Einblick in den Romanisierungsprozess an der äußersten Westgrenze des Reiches. Die epigraphischen Zeugnisse dokumentieren die Integration der einheimischen Eliten in das römische Bürgersystem, mit zahlreichen Inschriften, die lokale Magistrate mit sowohl punischen als auch römischen Namen erwähnen. Die Mosaiken der Stadt, die zu den schönsten der Region zählen, veranschaulichen die Übernahme griechisch-römischer Kunsttraditionen. Als UNESCO-Welterbestätte seit 1997 wird Volubilis für seinen außergewöhnlichen universellen Wert anerkannt, der mediterrane und afrikanische Geschichten verbindet.
