Überblick
Historischer Überblick
Babylon erlangte erstmals unter Hammurabi (ca. 1792–1750 v. Chr.) Bedeutung, der Mesopotamien vereinte und seinen berühmten Gesetzeskodex kodifizierte. Die strategische Lage am Euphrat machte die Stadt zu einem Handels- und politischen Zentrum. Nach einer Periode der Kassitenherrschaft verfiel sie, bis sie im 6. Jahrhundert v. Chr. unter Nebukadnezar II. wiederbelebt wurde, als große Bauprojekte das Stadtbild veränderten.
Entdeckung und Ausgrabung
Obwohl Babylon nie vollständig aufgegeben wurde, wurden seine Ruinen erstmals 1811 von Claudius Rich wissenschaftlich dokumentiert. Systematische Ausgrabungen begannen 1899 unter Robert Koldewey, dessen sorgfältige Arbeit am Ischtar-Tor und an der Prozessionsstraße die außergewöhnliche glasierte Ziegelarchitektur der Stadt offenbarte. Diese bis 1917 andauernden Ausgrabungen setzten neue methodische Standards für die vorderasiatische Archäologie und bestätigten viele textliche Beschreibungen.

„Babylon, die berühmteste Stadt der Welt. Sie übertrifft an Pracht jede uns bekannte Stadt. Die Stadt liegt in einer weiten Ebene, ein exaktes Quadrat, jede Seite vierzehn Meilen lang, so dass der gesamte Umfang sechsundfünfzig Meilen beträgt.”
— Herodot, Historien I.178, ca. 440 v. Chr.

Architektur und Stadtbild
Die innere Stadt umfasste etwa 9 Quadratkilometer und war von massiven Doppelmauern umgeben. Die Prozessionsstraße, gesäumt von mit Löwen und floralen Motiven geschmückten Mauern, führte zum Ischtar-Tor, das heute berühmt im Berliner Museum rekonstruiert ist. Der von Herodot beschriebene Zikkurat Etemenanki war sieben Stufen hoch und dem Marduk geweiht. Königspaläste, darunter Nebukadnezars Südpalast mit seinen gewölbten Unterbauten, zeugen von fortgeschrittener Ingenieurskunst. Ob die Hängenden Gärten hier lagen, bleibt umstritten; einige Wissenschaftler plädieren für eine Lage in Ninive.

„An den Wassern Babylons saßen wir und weinten… doch die Prozessionsstraße nennt noch immer die Götter, die einst über den Ziegel herrschten.”
— Psalm 137:1 in Verbindung mit der archäologischen Realität der Route des Ischtar-Tors
Kulturelles und wissenschaftliches Erbe
Babylon war ein Zentrum der Gelehrsamkeit, insbesondere in der Astronomie und Mathematik. Die Schreiber der Stadt führten detaillierte astronomische Tagebücher, die später die griechische Wissenschaft beeinflussten. Das Erbe von Hammurabis Gesetzeskodex hallte durch die Antike wider. Die Stätte hat auch eine tiefe religiöse Bedeutung und erscheint prominent in biblischen Erzählungen wie dem Turmbau zu Babel und dem jüdischen Exil. Das deterministische Konzept der Himmelsvorzeichen und die 60-Minuten-Stunde haben hier ihren Ursprung.
Niedergang und Nachleben
Nach der persischen Eroberung durch Kyros den Großen im Jahr 539 v. Chr. verlor Babylon seine politische Unabhängigkeit, blieb aber eine bevölkerungsreiche Stadt. Hellenistische Herrscher, darunter Alexander der Große, beabsichtigten, sie zu ihrer östlichen Hauptstadt zu machen, doch nach seinem Tod verfiel die Stadt allmählich und wurde von Seleukeia und Ktesiphon in den Schatten gestellt. In der frühislamischen Zeit war sie zu einem Dorf geschrumpft, und die Ruinen wurden zu einer Quelle für Ziegelräuber. Die vielschichtige Geschichte der Stätte bietet eine komplexe Aufzeichnung von Kontinuität und Wandel.

